
Gendern als Content-Trend – Reichweitenfaktor oder Nutzerbremse?
Die hohe mediale Aufmerksamkeit der letzten Jahre hat die Gender-Thematik zu einem Bestandteil der strategischen Content-Planung gemacht. Die geschlechtliche Ansprache des Publikums hat Einfluss auf die Reichweite digitaler Inhalte und ist Teil der Corporate Identity. Gendern mit Gender-Slang stellt allerdings längst nicht für alle Nutzer eine willkommene Bereicherung der Sprachkultur dar. Informeller Gender-Slang erfährt in der digitalen Welt nur wenig Gegenliebe.
Von Dr. Andreas Sackmann · Stand: 06.01.2025
Passt Gender-Slang zu moderner Content-Creation?
- Gender-Slang stößt in allen Altersgruppen mehrheitlich auf Ablehnung. Dies gilt laut der Shell Jugendstudie 2024
auch für die ganz jungen Nutzer zwischen 12 und 25 Jahren.
- Die offiziellen Sprachinstanzen geben Empfehlungen zu regelkonformen Gender-Varianten. Genderzeichen, -symbole und spielerische Ausdrucksformen wie Studis für Studierende finden keinen Eingang in das Regelwerk der deuschen Sprache.
- Nur kleinere Interessengruppen begrüßen direkte Gendersprache. Sie nehmen Einbußen bei der User Experience in Kauf, um der Forderung nach kompromissloser sprachlicher Gleichstellung aller Geschlechter zu entsprechen.
Daumen hoch für Gender-Slang?
Die öffentliche Meinung ist eindeutig, wenn es um die Verwendung geschlechterinklusiver Sprache in ihrer harten Form geht. In einer Umfrage von infratest dimap aus 2021 bringen 65 Prozent der Befragten ihre Ablehnung zum Ausdruck. 2023 fällt die Missbilligung laut ntv-Trendbarometer
sogar noch deutlicher aus, etwa drei Viertel der Befragten erteilen hartem Gender-Slang eine Absage. Auch 2024 wendet sich das Blatt nicht. Das Infas ermittelt Ende des Jahres in einer repräsentativen Umfrage für die Zeit
einen Anteil von knapp 80 Prozent an allen Befragten, der selten oder nie gendert.
Smarte Gendervarianten
Die Umfragen der letzten Jahre unterstreichen die geringe Akzeptanz gegenüber informellem Gender-Slang und verschieben den Fokus auf alternative, leserfreundliche Ausdrucksmöglichkeiten der Geschlechtergleichheit. Mildere Gendervarianten sind nutzerfreundlich und mit keinen Abstrichen bei der Content-Qualität verbunden.
Mit diesen Gender-Varianten bleiben die Leser im Flow:
- Mix femininer und maskuliner Formulierungen
- Paarbildungen
- geschlechterneutrale Partizipialformen
Auch mit Bedacht gesetzte Anglizismen sind eine Möglichkeit zur geschlechterneutralen Formulierung. Auf die mehrheitlich genderkritische Allgemeinheit wirken diese Gender-Spielarten weniger abkühlend.
Sensibel formulierte Texte, die alle Menschen miteinschließen, entsprechen dem aktuellen Zeitgeist.
Entgegen der ablehnenden Haltung zu hartem Gender-Slang befürwortet der überwiegende Teil der Bevölkerung die geschlechtliche Gleichbehandlung. Dementsprechend ist es kein Fehler, einer wohlwollenden Einstellung allen Geschlechtern gegenüber inhaltlichen Ausdruck zu verleihen.
Visual Gendering – Wertschätzung zwischen den Zeilen
Fotos und Illustrationen sind fester Bestandteil vieler moderner Digitalformate. Sie bieten großen gestalterischen Freiraum, um eine Markenhaltung oder Emotionen zu transportieren. Die visuelle Kommunikationsebene ermöglicht starke nonverbale Botschaften, ohne den Lesefluss einzuengen. Mit der Motivwahl ist bereits der erste Schritt getan, um eine inklusive Haltung zu demonstrieren und diesbezüglich die Corporate Identity zu stärken.
Gendersprache – das sagen die Granden der deutschen Sprache
Die Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. unterstützt in einem Positionspapier zum Gendern ausdrücklich die sprachliche Gleichbehandlung aller Geschlechter. Die GfdS betont allerdings auch, dass Sprache verständlich, les- und vorlesbar, grammatisch korrekt, eindeutig und rechtssicher sein müsse und stellt einen umfassenden Leitfaden zur gendergerechten Sprache
vor.
Die Forderung nach Vorlesbarkeit fokussiert keineswegs nur die heiß ersehnte Märchenstunde vor dem Einschlafen, sie benennt vielmehr die handfesten Interessen wichtiger Konsumenten: Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen wissen die Möglichkeiten von Text-to-Speech-Anwendungen ebenso zu schätzen wie die stetig wachsende Nutzergruppe, die Web-Inhalte gerne entspannt konsumiert und sich diese vorlesen lässt.
Der Rat für deutsche Rechtschreibung nimmt im März 2021 in einer Pressemitteilung zum Gendern eine vergleichbare Position ein wie die Gesellschaft für deutsche Sprache und erteilt der Aufnahme von Genderzeichen in das amtliche Regelwerk eine klare Absage. Auch Dudens Wortwächter machen Vorschläge zur regelkonformen Umsetzung gendergerechter Sprache
. Damit sind Sternchen, Unterstrich und Binnen-I von offizieller Seite aus dem Rennen.












